«Wie der Vater, so der Sohn», lautet ein Sprichwort. Es stimmt nicht für Petros Yonte. Sein Vater wünscht sich viele Enkelsöhne. Aber für Petros ist das Wohl seiner kleinen Töchter entscheidend.
Der alte Herr trägt keine Schuhe. Barfuss geht Yonte Dako über die Pfade mit rotem Lehm und spitzen Steinen in seinem Heimatdorf Kelaltu. Dabei plagt ihn ein Gedanke. Die Frau seines Sohnes Petros hat zum dritten Mal ein Kind bekommen. Wieder ist es ein Mädchen! Jetzt hat Petros drei Töchter. «Ein Enkelsohn wäre schön!», sagt Yonte Dako. Oder auch zwei oder drei. Aber sein Sohn hat ihm gesagt, er wolle keine weiteren Kinder mehr. «Ich verstehe das nicht», sinniert der Senior, dem seine Frau acht Kinder gebar, von denen zwei starben, noch bevor sie ins Schulalter kamen. «So war es früher: Je mehr Kinder Gott einem Mann schenkt, desto mehr Respekt im Dorf.»
Aber die Jungen wissen ja alles besser! «Drei Kinder sind genug», sagt sein Sohn. «In der Nachbarschaft sehe ich, dass viele Familien ihre Kinder nicht ernähren können. Und wenn sie erwachsen werden, fehlen ihnen jegliche Ressourcen, um sich etwas aufzubauen.» In einer Schulung von Menschen für Menschen informierte sich Petros zusammen mit seiner Frau über Familienplanung. Das Paar hat sich Langzeitverhütung entschieden: Das Hormonstäbchen ist in der örtlichen Gesundheitsstation gratis erhältlich, es wird von einer Krankenschwester unter die Haut des Oberarms implantiert. «Wir wollen die Kinder gut ernähren. Sie sollen jeden Tag in die Schule und lernen», erklärt Petros. «Auch will ich weiter in den Aufbau meiner Existenz investieren. Das bedeutet: Weitere Kinder sind nicht drin.»
Ein erstaunlicher Aufstieg in kurzer Zeit. Nach der neunten Klasse musste Petros den Unterricht abbrechen. Sein Vater sagte, es gebe kein Geld für die weiterführende Schule, er müsse jetzt Geld verdienen. Doch wie? Im ganzen Bezirk gibt es kaum produzierende Betriebe, nur sehr schlecht bezahlte Hilfsarbeiten in der Landwirtschaft. Also setzte Petros auf den Handel: Er wurde freier Mitarbeiter bei einem Viehhändler, schaute auf den wöchentlichen Märkten nach Ziegen und Schafen, verhandelte mit den Bauern den Preis und bekam dafür vom Händler eine – viel zu kleine – Kommission. Es ist in Äthiopien wie überall: Ohne Kapital kommt niemand auf einen grünen Zweig. Aber Kapital für einen eigenen Ziegenhandel war für Petros utopisch. Die kleinen Kommissionen flossen in Lebensmittel für die Familie. Bei Banken bekam er keinen Kredit: Petros hatte keine Perspektive auf einen Wandel.
Doch dann baute Menschen für Menschen im Dorf eine genossenschaftliche Spargruppe auf und stattete sie mit Startkapital aus. Petros präsentierte seinen Geschäftsplan und die Mitglieder der Gruppe gestanden ihm einen Mikrokredit über umgerechnet 300 Franken zu. Mit dieser Summe konnte Petros auf den lokalen Märkten acht Ziegen kaufen – und nach kurzer Zeit auf anderen Märkten mit einer kleinen Marge weiterverkaufen. Weil aber nicht jeder Tag Markttag war, liess sich Petros bei einem Dorfbewohner zeigen, wie man Haare schneidet, kaufte sich einen Haarschneider, pachtete eine kleine Fläche auf dem lokalen Markt – und diversifizierte sein Einkommen als Friseur.

300 Franken – mehr als diese kleine Initialzündung brauchte Petros nicht für ein stetiges Wachstum. Der Durchbruch kam nach zwei Jahren. Ein anderer Händler sah, wie Petros geschickt mit Kleinvieh handelte. Der Kollege schlug Petros vor, regelmässig einen Lastwagen zu mieten und Ziegen und Schafe in die Hauptstadt zu exportieren, wo die Preise deutlich besser sind.
«Wir schicken jede Woche einen grossen Laster nach Addis Abeba. Auf die Ladefläche passen 110 Tiere», erklärt Petros das Geschäftsmodell. «Ich steuere die Hälfte davon bei.» Er geht die ganze Woche über auf verschiedene Märkte der Gegend, um bei den Bauern Kleinvieh aufzukaufen. Schon hat er Leute angestellt, die auf die Tiere aufpassen, bis der Truck sie immer donnerstags abholt. Nach Abzug aller Kosten für Fahrer, Lastwagen und Futter bleibt Petros ein Gewinn von 175 Franken pro Woche – also mehr als die Hälfte der ursprünglichen Kreditsumme, mit der er sein Geschäft beginnen konnte.

Stolz berichtet Petros von seinen Erfolgen. Mit Teilen des Gewinns hat er eine Jungkuh gekauft. Seine Mädchen können jetzt jeden Tag Milch trinken, soviel sie wollen. Er hat ein kleines Feld erworben, «Zwar nur ein Viertel Hektar, aber es ist ein guter Anfang», sagt Petros. Dort pflanzt er Zuckerrüben und Peperoncini neben Kaffeesträuchern.
Zum Abschluss des Besuchs soll es ein Familienfoto geben. Petros´ Vater verschwindet in seiner Hütte. Zurück kommt er mit Lederschuhen an den Füssen, ein Geschenk von Petros. Er trägt sie nur zu ausgewählten Ereignissen, etwa zum Kirchgang am Sonntag. Für den Alltag sind sie ihm zu schade. Der Vater hält an seinem alten Denken fest. Schuhe müssen geschont werden und Frauen sollen viele Kinder kriegen: «Wir hatten immer grosse Familien!»
Petros hört sich alles ohne Widerrede an. Man widerspricht seinen Eltern nicht, so ist es Sitte im ländlichen Äthiopien. «Aber ich habe meine eigene Entscheidung getroffen», sagt Petros zu den Besuchern aus der Schweiz. «Ich werde für meine drei Töchter eine gute Zukunft aufbauen.»
WARUM WIR HALFEN
In den Bezirken Gelana und Abaya herrschten in den meisten Familien schwerer Nahrungsmangel. Neun Jahre lang, bis Ende 2024, ging es uns darum, Ernten und Einkommen zu steigern.
WAS WIR TATEN
- Förderung der Landwirtschaft mit Inputs und Schulungen
- Verdienst- und Vermarktungsmöglichkeiten wurden geschaffen
- Bildung von Spargruppen und Genossenschaften
- Baumpflanzungen zum Schutz der Landschaft
- Aufklärung zu Familienplanung
WAS WIR ERREICHTEN
Tausende besonders arme Familien konnten ihr Leben verbessern. Rund 150'000 Menschen profitierten von dem Projekt.