Studie belegt Wirkung der «Hilfe zur Selbstentwicklung»
Zürich/Addis Abeba, 20. März 2025 – Die Stiftung Menschen für Menschen beendet nach neun Jahren das Entwicklungsprojekt in den Bezirken Abaya und Gelana in Südäthiopien. 150’000 Menschen konnten ihre Lebensbedingungen nachhaltig verbessern. Eine unabhängige Studie bestätigt die nachhaltigen Erfolge. Die gewonnenen Erkenntnisse werden nun in einem neuen Projekt umgesetzt: Im benachbarten Bezirk Raphe ist die Armut ähnlich gross wie zu Beginn des Projekts in Abaya und Gelana. Dort haben 90 Prozent der Familien nicht genug zu essen.
Im Dorf Kelaltu, an einer Lehmstrasse und zwischen hohen Bäumen, hat Petros Yonte, 30, sein Haus gebaut. Es duckt sich nicht wie die Rundhütte seines Vaters daneben, in der sich die Hitze unter dem Grasdach staut. Petros Haus ist luftig, mit hohen Wänden. Vor dem Regen schützt ein solides Dach aus Blech. Das Haus ist ein Zeichen für Petros Yontes erstaunlichen Aufstieg in kurzer Zeit.
Nach der neunten Klasse musste er den Unterricht abbrechen. Sein Vater sagte, es gebe kein Geld für die weiterführende Schule. Der Teenager wurde freier Mitarbeiter bei einem Viehhändler, schaute auf den wöchentlichen Märkten nach Ziegen und Schafen, verhandelte mit den Bauern den Preis und bekam dafür vom Händler eine – viel zu kleine – Kommission. Die kleinen Kommissionen flossen zur Gänze in Lebensmittel für die Familie. An Kapital für einen eigenen Ziegenhandel zu kommen, war für Petros utopisch. Bei Banken bekam er keinen Kredit: Petros hatte keine Perspektiven.
Doch dann baute Menschen für Menschen im Dorf eine genossenschaftliche Spargruppe auf und stattete sie mit Startkapital aus. Petros Yonte bekam einen Mikrokredit über umgerechnet 300 Franken. Mit dieser Summe konnte er auf den lokalen Märkten acht Ziegen kaufen – und nach kurzer Zeit auf anderen Märkten mit einer kleinen Marge weiterverkaufen. Weil aber nicht jeder Tag Markttag war, liess sich Petros bei einem Dorfbewohner zeigen, wie man Haare schneidet, kaufte sich einen Haarschneider, pachtete eine kleine Fläche auf dem lokalen Markt – und diversifizierte sein Einkommen als Friseur.
Der Durchbruch kam nach zwei Jahren. Ein anderer Händler sah, wie Petros Yonte geschickt mit Kleinvieh handelte. Der Kollege schlug vor, wöchentlich einen grossen Lastwagen zu mieten und gemeinsam rund 100 Ziegen und Schafe in die Hauptstadt zu exportieren, wo die Preise deutlich besser sind. Nach Abzug aller Kosten bleibt Petros Yonte ein Gewinn von 175 Franken pro Woche – mehr als die Hälfte der ursprünglichen Kreditsumme, mit der er sein Geschäft beginnen konnte. Mit Teilen des Gewinns hat er eine Kuh gekauft. Er hat ein kleines Feld erworben, dort pflanzt er Zuckerrüben und Peperoncini neben Kaffeesträuchern.
Evaluation bestätigt Erfolge
Dass die Geschichte von Petros kein Einzelfall ist, belegt jetzt eine Evaluation der neunjährigen Intervention in den Bezirken Abaya und Gelana. Menschen für Menschen hat seit 2016 in drei dreijährigen Projektphasen die Lebensgrundlagen von rund 150’000 Menschen verbessert. Die Stiftung setzte auf einen ganzheitlichen Ansatz, steigerte die landwirtschaftliche Produktion durch Schulungen und den Zugang zu verbesserten Saaten, baute Brunnen, förderte mit genossenschaftlichen Spargruppen das Kleingewerbe und klärte über Familienplanung auf.
«Die Unterstützung ist darauf ausgelegt, den Menschen Wissen und Ressourcen zu vermitteln, damit sie allein auf eigenen Beinen stehen können», erklärt Co-Geschäftsführer Claudio Capaul. «Wir bleiben nur so lange, bis die Strukturen stehen – dann können die Menschen allein weitermachen.»
Zum Abschluss beauftragte die Stiftung Gillo Consult mit einer Evaluation. Das Team des Gutachterbüros befragte 412 Familien und führte Gespräche mit Behördenvertretern, Frauengruppen und Gemeindeältesten. Es zeigte sich eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen. Der Anteil der Haushalte mit Vieh stieg von 17 auf 95 Prozent. Die Quote der Ehepaare, die Angebote zur Familienplanung nutzen, stieg binnen nur drei Jahren von 47 auf 57 Prozent. In den Spargruppen haben jetzt 97 Prozent der Frauen Zugang zu Mikrokrediten (früher 18 Prozent). 65 Prozent der Familien konnten zumindest kleine Rücklagen für Notfälle bilden – früher waren es nur neun Prozent. «Das Projekt hat das Wohlergehen der Gemeinden nachhaltig verbessert», urteilen die Gutachter. «Die erzielten Fortschritte wirken also weiter», freut sich Co-Geschäftsführer Capaul. «Weil die Menschen jetzt das Wissen haben, um für sich selbst sorgen zu können.»
Besonders die Förderung von Frauen war zentraler Bestandteil. In 31 Dörfern wurden genossenschaftliche Spargruppen mit jeweils rund 100 Mitgliedern aufgebaut. Ende 2024 schlossen sich diese Gruppen zu einem Dachverband zusammen. In der Kleinstadt Gangua stellte Menschen für Menschen Räume für Büro und Treffen zur Verfügung. Jetzt können die Frauen bei Banken zu fairen Konditionen Kredite aufnehmen – ein wichtiger Schritt in Richtung wirtschaftlicher Unabhängigkeit.
Neues Projekt in Nachbarbezirk Raphe
Die Gutachter empfehlen, die Kompetenzentwicklung der Menschen und die Selbstermächtigung von Frauen noch mehr in den Fokus zu nehmen. «Diese Empfehlungen werden wir im neuen Projekt im benachbarten Bezirk Raphe umsetzen», betont Claudio Capaul. Raphe steht vor ähnlichen Herausforderungen wie Abaya und Gelana vor neun Jahren: Der Bezirk ist etwa so gross wie der Kanton Appenzell Innerrhoden, hat aber sechsmal so viele Einwohner. 98’000 Menschen leben hier in meist grosser Armut. Nur wenige Haushalte haben Zugang zu sauberem Wasser. Besonders Kinder werden krank. Die Familien besitzen nur winzige Äcker – neun von zehn Familien leiden viele Monate im Jahr an Nahrungsmangel. «Deshalb will Menschen für Menschen als erstes und einziges Hilfswerk nachhaltige Entwicklung in die Region bringen», sagt Claudio Capaul.
Petros Yonte, der junge Viehhändler und Vater dreier Töchter in Abaya, braucht keine Hilfe von aussen mehr. Er plant, sein Geschäft weiter auszubauen. Ausserdem ist er sich einer besonderen Armutsgefahr bewusst: «In der Nachbarschaft sehe ich, dass kinderreiche Familien ihre Kinder nicht ernähren können. Und wenn sie erwachsen werden, fehlen ihnen jegliche Ressourcen, um sich etwas aufzubauen», erklärt er. In einer Veranstaltung von Menschen für Menschen informierte sich Petros Yonte zusammen mit seiner Frau über Familienplanung. Das Paar hat sich für Langzeitverhütung entschieden: Das Hormonstäbchen ist in der örtlichen Gesundheitsstation gratis erhältlich, es wird von einer Krankenschwester unter die Haut des Oberarms implantiert. «Wir wollen unsere Töchter gut ernähren. Sie sollen jeden Tag in die Schule und lernen», erklärt Petros. «Ich will eine gute Zukunft aufbauen.»

Über die Stiftung Menschen für Menschen
Menschen für Menschen setzt sich gegen Armut und Hunger ein. Die Stiftung wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928 – 2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass sie in ihrer Heimat menschenwürdig leben können. Schwerpunkte der einzelnen Projekte sind Frauenförderung, Berufsbildung, Mikrokredite, Kinderhilfe, Familienplanung und landwirtschaftliche Entwicklung. Die Komponenten werden nach den lokalen Bedürfnissen kombiniert und mit sorgfältig ausgewählten einheimischen Partnern umgesetzt.
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